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Eine Botschaft an die Druiden Na-o-tië, Zaphryan, Waidelan, Darian und Asgarîm

Kapitel 46: Von bestürzenden Abenteuern der Novizin Morwenn


Spielbericht zum Tikon Kapitel 46 - Im November 98


Liebe Schwester, liebe Brüder im Konvent von Marils

Ich hinterlege diese Botschaft hier in meinem geweihten Schrein, begleitet von den heiligen Gesängen und mit meiner letzten Kraft, in der innigen Hoffnung, dass sie Euch erreichen möge auf den Schwingen des Adlers, im Blinken der Sternbilder, durch das Flüstern von Baum und Getier oder mit den Stimmen von Mond und Sonne.

Ich bitte Euch dringlichst um Hilfe und Ratschlag, denn um mich senken sich die Schatten und Finsternis lässt mein Herz zu Eis werden in dieser frostigen Jahreszeit. Ein grosses Unglück ist mir geschehen und - noch schlimmer - ich fürchte, ich habe grosse Schuld auf mich geladen.

Lasst mich erzählen, was sich ereignete: von meinem Novizenmeister Asgarîm, wie ihr wisst, durch unglückliche Umstände getrennt, wanderte ich einige Monde allein, seinen weisen Rat und kluge Unterstützung entbehrend, lernte und erfuhr dennoch vieles auf meiner Wanderschaft und begegnete manchem Wunder.

Mein Weg führte mich in die öden Lande von Tôs, wo ich vernahm, unweit nördlich, im Kevatal, sei ein berühmtes Orakel zu finden. Begierig, mein Wissen zu mehren, begab ich mich dahin und fand mich alsbald in einer engen Schlucht, links und rechts hoch aufragende Felsen, die Spitzen gekrönt von den traurigen Überresten prächtiger Burgen aus längst versunkener Zeit. Alsda fand ich Unterkunft in der Taverne, die von einem Herrn Kochdat betrieben und "Zum laschen Lurch" genannt wird und wo ein Kobold sein Unwesen treibt. Da befinde ich mich noch immer. In dieser Taverne waren allerlei Gäste anzutreffen, so dass mir nach den Zeiten der einsamen Wanderschaft bald der Kopf brummte von all dem Betrieb.

Neben vielen Händlern und Reisenden war da auch eine ganze Truppe Söldner und ihr Anführer war Tuan - ja, derselbe, den wir in der Versamschlucht als untreuen Diener des schändlichen Aryn kennengelernt haben. In Begleitung eines Schreibers und eines Dieners war auch der Magier Saghshed angereist. Dies führte mich in Verwirrung, denn ich war noch nie einem solchen Manenmagier begegnet und kannte deren Tätigkeit nur vom Hörensagen. Vielleicht war ich dadurch fehlgeleitet, aber ich wollte nichts zu tun haben mit einem, der die Natur unter seinen Willen zwingt und mit den heiligen Elementen spielt wie ein Kind mit seinem Ball - kurz - ich war wohl etwas gar unfreundlich zu ihm. Er war aber auch ein unnahbarer Mensch - aus altem Adel, scheint es. Sogar einen Hohepriester traf ich an, der einen der Neuen Götter verehrt, Tscha'anz, glaube ich.

Alle diese Reisenden wollten gleichfalls zum Orakel, allein, keiner wusste, wo sich dieses befindet. Auch war die Gegend allem Anschein nach gefährlich und die Taverne in der Nacht vor meiner Ankunft von unheimlichen Sumpfwesen überfallen worden. Wie ich mich nun an einer warmen Suppe labte, trat ein prächtig gekleideter Herr zu mir und stellte sich vor als Fatah, seines Zeichens Karawanenführer (er hatte noch viel mehr Namen, die mir entfallen sind). Ob ich ihm nicht helfen wolle, das Orakel zu finden, er müsse dieses nämlich nach dem Verbleib seiner Kamele fragen, welche ihm auf unerklärliche Weise abhanden gekommen. Er vertraue auf meine Kunst,mich auch mit seltsamen Sumpfbewohnern verständigen zu können. Oh, meine verfluchte Neugier! Ich sagte zu, denn nur zu gern wollte ich eines solchen Sumpfbewohners ansichtig werden. Und wie gerne hätte ich das Orakel gefunden! Welche Geheimnisse, welche Mysterien hätte es mir offenbart! Allein, es sollte mir nicht vergönnt sein, und zwar aus eigener Schuld.

Die Druidin Morwenn

Als wir uns nämlich auf den Weg machen wollten, erschien plötzlich noch ein Reisegefährte des Herrn Fatah, namens MMzzzmmt von Mûr. Warum habe ich keinen Verdacht geschöpft, als ich diesen Namen hörte? Als ich die haarfeinen Fühler sah, die auf seiner Stirne sprossen? Warum wendete ich mich nicht zur Flucht, als er sich ganz offen als ein Angehöriger des Volkes der Wandler zu erkennen gab? O Schande! Meine Wissbegier war zu gross. MMzzzmmt nämlich offenbarte mir einen Weg, das Orakel zu finden: Wenn wir unsere Kräfte vereinten, könnte er mit einem imagomantischen Ritual seinen magischen Spiegel nach dem Verbleib des Orakels befragen. Nur bedurfte er dazu eines weiblichen Wesens zur Bündelung der Kräfte. Da keine Wandlerin zur Hand war, gelang es uns mit List und Tücke, die Koboldfrau in der Taverne uns gefügig zu machen.

MMzzzmmt führte uns dann an einen Ort der Kraft, mitten in einer erhöhten steinernen Umfriedung, eben einer jener alten Ruinen. Da errichtete er einen Kreis aus Lichtern und stellte den Kobold, den Spiegel und als dritten Gegenstand ein riesiges Schwert in der angemessenen Ordnung auf. Derweil waren die anderen Gäste der Taverne alle zusammen ausgezogen, das Orakel zu finden. Sie fanden auch einen unheimlichen Ort, wo die Knochen Toter verstreut waren und ebenfalls ein Spiegel stand. Dieser gab jedoch keine Auskünfte irgendwelcher Art. So näherte sich die ganze Gruppe jetzt der Ruine, wo MMzzzmmt begonnen hatte, wirr im Lichterkreis herumzuspringen, dabei summende Geräusche von sich gab und mit einem scharfen Dolch in die Luft stach. Während der ganzen Zeit hatten wir ein Gefühl, dass uns etwas von den Höhen herab beobachte...

Ich stimmte meinen Ritualgesang an und liess die sprechende Bärentatze klingen. Derweil waren die übrigen Wanderer herangekommen und Rufe wurden laut: "Was geht hier vor? Haltet sie auf!". Da schien mir - wie kann ich es beschreiben- dass meine Seele von einem Schatten gestreift werde; seltsame Visionen von schwirrenden Flügeln entstanden vor meinem Auge, ich fühlte tastende Fühler an meinem Körper und war gleichzeitig gefangen, als sei die Luft um mich wie dicker, zähflüssiger Honig. Mein Verstand war benebelt - und so nahm das Unglück seinen Lauf. Mit einem letzten, durchdringenden Summen sprang der Wandler auf, ergriff den magischen Spiegel, stach seinen Dolch dem Kobold in die Brust und entschwand. Meine Erstarrung fiel von mir, und entsetzt eilte ich zu der Koboldfrau, die an der Wunde, die die eiserne Waffe ihr geschlagen, sehr litt. Dank der Lehre und Unterweisung in der Heilkunde, die ich von Asgarîm erhalten habe, war es mir zum Glück möglich, ihr zu helfen. Nun hatte ich viele Erklärungen abzugeben und Vorwürfe anzuhören, und Herr Fatah gleichfalls.

Die Dämmerung nahte und ein leiser Schnee begann zu fallen. Einer der Söldner, die nun weiter nach dem Orakel suchen wollten, kam mit einer Schreckensnachricht zurück: Wir waren in der steinernen Umfriedung der Ruine eingeschlossen, denn Tuan stand unter einem Bann und versperrte den einzigen Ausgang. Und er ist ja ein schrecklicher Kämpe, den niemand zu besiegen vermag. Als wir so standen und beratschlagten, erschien vor dem Überrest des Tores eine grausige Gestalt: Halb Mensch, halb Tier, mit einer fürchterlichen Schnauze, in einen dunklen Umhang gehüllt und ein Schwert in der Armbeuge tragend. Voll Furcht wichen wir zurück, denn solange Tuan gebannt war, gab es keine Möglichkeit zur Flucht.

Da trat der Magier Saghshed vor und liess eine silberne, von innen glühende Kugel schwingen; dieses Artefakt befreite Tuan von dem Bann und er gab den Weg frei. Doch nun näherte sich das unheimliche Wesen. Die Krieger zogen ihre Waffen und andere versuchten sich zu verbergen. Wie ich gelehrt worden bin, nahm ich meinen Stab fest in die Hand, auf seinen Schutz vertrauend und beschwor die Erdgeister mit leisem Singen. Da streckte der Unheimliche die Hand aus und befahl mir mit einer Geste, zu ihm zu treten. Ich näherte mich ihm und er sprach zu mir; und seine Stimme war rauh und keuchend und er sprach in kurzen, abgehackten Sätzen. Ich konnte spüren, dass dieses Wesen grossen Schmerz litt von irgendeiner Art und in seinem einen, dunklen Auge las ich eine unbestimmte Furcht.

Folgende Botschaft gab er mir, die ich sogleich getreulich weitergab: Er sei ein Bewohner des Kevatals. Das heilige Ritualschwert, welchem sein Volk seine Lebenskraft verdanke, sei geraubt worden; jemand wolle damit das Orakel vernichten. Ohne das Schwert aber müsse auch sein Volk untergehen und er fordere dieses hiermit zurück. Es war nämlich das grosse Schwert, das der Wandler bei seinem Ritual benutzt hatte. Nun berieten wir uns wieder und wurden schliesslich einig, dass wir das Schwert zurückgeben wollten. Allein, ich musste es zuerst herunterholen von der höchsten Spitze des Turmes, dem einzigen Teil des Gebäudes, der noch stand. Dahin hatte es einer in Verwahrung genommen und versteckt, bis wir zu einem Entschluss kämen, einer, der Harrass oder Rasa genannt wird; sein Name und seine Herkunft sind unklar, denn er behauptet, gleichzeitig zwei Personen zu sein, und lässt sich bald mit diesem, bald mit jenem Namen anreden.

Da holte ich das Schwert und brachte es Tuan, damit er es dem Bewohner des Kevatals überbringe. Doch jemand hielt ihn zurück und aufgeregtes Beraten begann von neuem; denn mehrere der Anwesenden fürchteten nun, das Tierwesen könnte auch ein Wandler sein. Tuan versicherte, er werde das schon herausfinden; denn die Wandler, so belehrte er mich, seien zu erkennen an den Flügelstummeln auf ihrem Rücken. Er liess den Unheimlichen auf den Ritualplatz treten, sein Schwert niederlegen und die Arme ausbreiten. Nach diesen Vorsichtsmassnahmen wollte er seinen Rücken abtasten. Das Wesen wich verärgert und misstrauisch zurück und wieder zeigte es stumm auf mich. Ich näherte mich ihm vorsichtig und konnte keinerlei Flügelansätze finden. Da übergab Tuan feierlich das grosse Ritualschwert. Der Kevatalbewohner nahm es an sich, grüsste feierlich, breitete seinen Mantel aus und - verschwand in der Dunkelheit.

Nun begaben sich alle in die Taverne zurück, wo alsbald ein fröhliches Zechen begann. Ich aber fühlte mich müde und legte mich bald auf mein Lager, von dem ich mich seither kaum noch erhoben habe. Die verwirrenden Ereignisse jenes Tages quälen meine Gedanken, und die Einsicht, bei schändlichem Tun beteiligt gewesen zu sein, lässt meine Hellsicht schwinden. Ist das Orakel nun gerettet oder endgültig verloren? Wohin entschwand der Wandler mit dem Spiegel? Was geschah wirklich auf jenem Ritualplatz? Niemand kann meine Fragen beantworten, denn die Reisenden sind längst in alle Winde zerstreut.

Nur der Wirt ist noch da mit seinem Kobold, der mich aus Rache umso ärger piesackt. Und immer mehr verschwimmt auch das Bild der schmuddligen Taverne vor meinen Augen, die Luft scheint erfüllt von tausendfachem Schlagen durchsichtiger Flügel, tausendfach tasten krabbelnde Beinchen über mich hinweg, mein Mund ist verklebt wie von Honig. Nur noch selten finde ich die Kraft, meinen kleinen Schrein draussen aufzusuchen.

Die Bäume schweigen - kein Wispern leitet mich - kein Vogelruf ist zu hören - Spuren der Tiere verschwinden im Schnee, der fällt und fällt und mich zu begraben scheint...

Bleibt mir nur zu hoffen, eine wohlgesinnte Seele übermittelt diesen Bericht, denen, die mir zu Hilfe eilen.

MORWENN


Geschrieben von elena; zum letzten mal bearbeitet von seegras am 30 Nov 2002